Eine kürzlich unternommene Safari im August führte uns in den Tarangire Nationalpark. Besonders während der Trockenzeit ist ein Besuch des Tarangire Nationalparks ideal für Wildtierbeobachtungen. Denn zu dieser Zeit wandern große Herden von Wildtieren aus anderen Gebieten in den Park, um zu den reichlich vorhandenen Wasser- und Futterressourcen zu gelangen.

Wie in der Serengeti, so findet auch im Tarangire Nationalpark eine eigene Tierwanderung statt. Dabei ziehen tausende von Zebras und Gnus das ganze Jahr über auf ihrer Wanderung von einem Gebiet zum anderen. Zwar mangelt es während und nach der Regenzeit gewöhnlich nirgends an Wasser, sodass die großen Tierherden nicht auf den Tarangire River angewiesen sind. Doch treibt die Suche nach nährstoffen Gräsern die Tierwanderung weiter voran. Denn das frische Gras, das direkt nach der Regenzeit im Tarangire sprießt, ist nicht nahrhaft genug besonders für die weiblichen Huftiere, die zu dieser Zeit ihre Kälber stillen. Diese benötigen eine recht nahrhafte und kalorienreiche Muttermilch während ihres Wachstums. Daher ist die Anzahl der Gnus und Zebras in den Monaten von Januar bis Juni im Tarangire Nationalpark eher gering. Selbst Elefanten tendieren zu dieser Zeit sich in andere Gebiete zu bewegen, auf der Suche nach nähstoffreicheren Futterquellen.

Als weiterer, allerdings bislang umstrittener Grund, warum die Tierherden den Tarangire während der Regenzeit verlassen, wird die Bodenbeschaffenheit des Parks angegeben. Große Flächen des Tarangire Nationalparks bestehen aus dem berühmt berüchtigten „Black Cotton Soil“, der im nassen Zustand anscheinend zu vielerlei Huferkrankungen bei Huftieren verursachen kann.

Als ich nun im August den Tarangire besuchte, war die Fülle von Pflanzenfressern im Park kaum zu überbieten. Massenhaft Gnus und Zebras waren zu den üppigen Graslandschaften und vollen Wasserressourcen in den Park zurückgekehrt.

Im Gegensatz zu den migrierenden Pflanzenfressern, begeben sich Raubtiere, wie beispielsweise Löwen, aufgrund ihres Territorialverhaltens nicht auf Wanderschaft. Sie sind an ihr Revier gebunden, das sie vor anderen Eindringlingen und Konkurrenten beschützen und streng bewachen. Die im Park residierenden Raubkatzen nehmen vermutlich mit Wonne die alljährliche Rückkehr der großen Tierherden während der Trockenzeit wahr, denn für sie eröffnet sich nun wahrlich ein großes Buffet.

Unsere Safari führte uns zu einem großen Wasserloch nahe des öffentlichen Campingplatzes. Noch bevor wir die Wasserstelle erreichten, sahen wie bereits große Gruppen von Huftieren, die sich in gleiche Richtung, nämlich zum Wasserloch, bewegten.

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Es war bereits Mittag und die Sonne stand hoch am Himmel. Die gandenlose Hitze trieb die Tiere regelrecht an, um ihren Durst zu löschen. Doch als wir das Wasserloch erreichten, merkten wir schnell, dass etwas nicht stimmte. Zahlreiche Tiere tummelten und drängten sich etwas entfernt vom Wasserloch entlang, doch keines schien sich wirklich an das Ufer zum Trinken zu wagen. Ein kurzer Blick auf die Umgebung legte den Grund für das zögerliche Verhalten der Tiere nahe: Löwen.

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Rund sechs Löwen lagen auf der anderen Seite des Wasserlochs auf Lauer. Doch zu ihrem eigenen Dilemma hatten die Tiere sie bereits entdeckt und bewegten sich daher nicht zum Trinken an die Wasserlinie. Auch die Löwen wagten es nicht, sich weiter heran zu pirschen, im Bewußtsein, dass bei einer falschen Bewegung ihre Chance auf ein üppiges Mittagessen vertan wäre.

So belauerten sich beide Parteien beinahe eine volle Stunde, bis schließlich die Tiere ihrem Durst erlagen und langsam und mit gewissen Mut sich an das Wasser heranwagten. Und auf einmal erschien es, als wäre der Waffenstillstand zwischen Löwen und Pflanzenfressern beschlossen zu sein, denn mehr und mehr Tiere strömten zum ersehnten Wasser, um ihren Durst zu stillen. Einige schienen die Löwen kurzzeitig ganz vergessen zu haben, und bewegten sich zum Erfrischen und Abkühlen tief ins kühle Nass. Doch sobald sie die Löwen erneut witterten, brach eine Panik unter ihnen aus, so dass Schlamm und Wasser durch tausende von Hufen aufgewühlt und nur so herumspritzte. Dieses Spiel ging noch eine ganze Weile, ohne dass es zu einem wirklichen Angriff durch die Löwen kam.

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Ich hatte den Eindruck, dass die Löwen sich entschlossen hatten, die Tierherden am Wasserloch lediglich beobachten zu wollen. Am nächsten Morgen passierten wir dieselbe Stelle noch einmal und sahen die Löwen weit verteilt im hohen Gras liegen. Später erfuhr ich von einem anderen Guide, dass die Löwen an diesem Nachmittag dann doch erfolgreich ein Zebra erlegt hatten.

Diese Momente erstaunen mich immer wieder, wie Jäger und Gejagte auf so engem Raum zusammen koexistieren, und selbst in schwierigen Zeiten, scheint es eine Art von Vertrauen und Harmonie zwischen beiden geben zu können.