Wohl die meisten Touristen in Tansania wundern sich über die vielen unvollständigen Häuser, die man im ganzen Land verstreut sehen kann. Während diese Häuserruinen für die tansanische Bevölkerung zum normalen Anblick gehören, werde ich als Safari- und Fieldguide ständig nach dem Grund gefragt, warum die Tansanier denn ihre Häuser nicht fertig bauen.

Um zu verstehen, warum so viele Menschen ihren Hausbau nicht vollenden, muß man die sehr einfachen und ländlich geprägtenLebensbedingungen der meisten Bewohner von Tansania bedenken. Ein gutes Beispiel hierfür ist der kleine Ort Mto wa Mbu im Norden von Tansania nahe des Lake Manyara Nationalparks. Fast alle Touristen, die eine Safari durch das nördliche Tansania unternehmen, passieren diesen Ort auf dem Weg in Richtung Serengeti Nataionalpark und zum Ngorongoro Krater.
Die meisten Bewohner von Mto wa Mbu sind Bauern. Der sehr fruchtbare Boden und der ständig vorhandene Wasservorrat in diesem Gebiet, hat viele Menschen der verschiedensten Regionen und Ethnien angezogen, um sich hier als Bauern nieder zu lassen.

houses-1

Als erste und schnellbeziehbare Unterkunft errichten die neu angekommenden Familien ein traditionelles Haus aus Lehm und Stöcken. Dies ist mit Abstand die günstigste Variante ein Haus zu errichten, da alle Materialen aus der nahen Umgebung zu finden und einfach zu transportieren sind. Die Errichtung eines solchen Lehmhauses ist darüber hinaus ein soziales Ereignis, indem die hausbauende Familie alle Nachbarn um Hilfe bei der Errichtung des Lehmhauses bittet und zum Dank Essen und Getränke bereitstellt. Dies fördert das gegenseitige Kennenlernen und die Stärkung der nachbarschaftlichen Beziehungen. Ein traditionelles Lehmhaus läßt sich meist schon in zwei bis vier Tagen fertigstellen, je nachdem wieviele helfende Hände beteiligt sind. Meist bestehen diese einfachen Lehmhäuser nur aus ein bis zwei Räumen, die als Aufenthaltsräume oder zum Schlafen dienen. Die Küche und die Toilette werden in der Regel als separate Gebäude abseits des eigentlichen Hauses errichtet. Als Dach werden Wellblech oder oftmals noch Bananenblätter sowie der Stamm einer Bananenstaude verwendet. Durch den Einsatz von rein natürlichen, damit aber auch schnell baufälligen Materialien, ist eine jährliche Renovierung oder zumindest Ausbesserung notwendig. So müssen meist das Dach erneuert und einige Stellen in den Hauswänden mit Lehm ausgebessert werden.

Mit aufsteigendem Wohlstand der Bewohner steigern sich auch die Ansprüche für ein neues Haus. Nach dem traditionellen Lehmhaus folgt als nächste Qualitätsstufe ein Haus aus Ziegeln. Erbaut aus rot gebrannten Lehmziegeln, sind die Ziegelhäuser weitaus stabiler als die einfachen Lehmhäuser. Allerdings dauert die Fertigstellung auch zwischen ein bis zwei Jahren.
Die dritte und erstrebenswerteste Hausvariante, die sich die meisten Familien eines Tage erhoffen und erfüllen möchten, ist die moderne Bauart aus Zementsteinen. Diese Art von Hausbau zählt allerdings auch mit zu den teuersten, sodaß sich die Fertigstellung bis auf 10 Jahre hinauszögern kann. Die Fertigstellung eines Hauses ist in der erster Linie abhängig von dem jeweiligen Ertrag der Ernte, die die Familien in einem Jahr erwirtschaften. Der jährliche Ernteertrag stellt in der Regel die Haupteinkommensquelle der Bauernfamilien dar und variiert von Jahr zu Jahr, woraus sich die langen Verzögerungen für den Hausbau ergeben. So wird jedes Jahr nach der Ernte, Stück für Stück an der Vollendung des Hauses gearbeitet, je nachdem wieviel der erwirtschaftete Ertrag abwirft. Dann können weitere Steine gekauft und danach der Dachstuhl errichtet werden. Anschließend kann mit der Verputzung der Hauswände begonnen werden und ganz zum Schluß werden die Inneneinrichtungen und die letzten Feinarbeiten ausgeführt.

houses-5

Ein weiterer Grund, warum viele Häuser unvollendet bleiben, ist, daß viele Landbesitzer ihren Landbesitz vor einer staatlichen Enteignung schützen wollen. Nach tansanischem Gesetz muß jedes erworbene Grundstück innerhalb einer Zeitspanne von 5 Jahren zweckmäßig genutzt werden. Ist dies nicht der Fall, hat die Regierung das Recht, das Land wieder zurückzuziehen und neu zu veräußern. Sobald ein Hausbau angefangen worden ist, kann der Besitzer vorweisen, daß er das erworbene Land nutzt, um so der Landenteignung zu entgehen. Als Grund für die Verzögerungen kann der Besitzer sich ausreden, daß der Hausbau eben etwas länger gedauert hat als erwartet.